NETZWERK KULTUR
Die Kunst der Verbindung in einer globalisierten Welt

Peter Mörtenböck, Helge Mooshammer
Bielefeld: [transcript] Verlag 2010, ISBN 978-3-8376-1356-8
www.transcript-verlag.de

Netzwerke sind zur Leitfigur des Zusammenlebens im 21. Jahrhundert geworden.

In Gestalt von transnationaler Politik, globaler Ökonomie, neuen Medien und sozialen Bewegungen verkünden sie Hoffnung und Bedrohung zugleich.

Dass Netzwerke und vernetzte Kulturen vor allem auch Kreativität hervorbringen können, zeigt dieser Band:

Er liefert eine faktenreiche und vielschichtige Analyse der Schauplätze der geokulturellen Neuordnung und demonstriert anhand von zahlreichen Allianzen in Kunst, Architektur und Aktivismus, wie durch kollektive Kreativität neue Strukturen politischer und sozialer Teilnahme entstehen.




Review

Rezension von Thomas Hummitzsch
'Die Kunst der Verbindungen'
in: taz, 11.08.2010, S. 16

online: taz.de



Aus der Einleitung (S. 7-9):


Verbundenheiten

Politische Konflikte, humanitäre Katastrophen, Kriege und Migrationen – wir leben in einem Zeitalter der globalen Unruhe und Diskontinuität. Die weltweiten Bewegungen von Bevölkerungen, die allerorts aufkeimenden sozialen Mobilisierungen und die sich ständig verändernde Gestalt der neoliberalen Ökonomie sind die entscheidenden Kräfte einer neuen Weltordnung, in der wir alle ständig aufgefordert sind, Realität zu verhandeln und Vereinbarungen zu treffen. Inmitten dieser Auflösung von tradierten Ordnungen bekommen der Zugriff auf Netzwerke und das Entwickeln von Verbundenheiten immer mehr Gewicht im Einnehmen und Gestalten unsere Umwelten: als Prozesse, in denen Ausmachungen stattfinden und schrittweise Form gewinnen. Im Lichte dieses strukturellen Wandels sind Netzwerke auch zu einem der prominentesten Begriffe auf der Suche nach neuen Formen von Solidarität und kulturellem Zusammenhalt geworden. Welche Form eine solche Verbundenheit aber haben soll, ist nicht nur eine Frage theoretischer Natur, sondern vor allem eine der Vielfalt von Räumen, die von Verbundenheiten in aller Welt produziert werden und dabei unseren eigenen Handlungsraum immer wieder neu gestalten.

Netzwerke sind sowohl Struktur als auch Operationsfeld dieser wuchernden globalen Verstrickungen von Personen, Orten und Interessen. Sie prägen sich auf unterschiedliche Weise in den Raum ein: in Gestalt von translokalen Handlungszonen, gemeinschaftlichen Unterstützungsmechanismen, erweiterten Einflussbereichen und Infrastrukturen, räumlichen Überlagerungen oder intensiven Berührungen und Kontaminationen. Hand in Hand mit diesen expansiven Kräften gehen aber Tendenzen der gewaltsamen Absonderung und eine globale Dynamik der Fragmentierung von Lebensräumen. Die mithilfe von Planung angestrebte Kontrolle unserer Umwelt prallt so auf die Bottom-up-Realitäten der wuchernden Metropolen und auf die experimentellen Strukturen von vernetzter Selbstorganisation. Diese Entwicklung sorgt allerorts für Spannungen, Konflikte und Zusammenstöße und lässt in der Gestaltung von Architekturen der Verbundenheit eine dringliche politische Aufgabe erkennen.

Während die offizielle Reaktion von Kultur- und Planungspolitik meist in einer Suche nach Formen der Stabilisierung und Beschränkung besteht, entwickelt sich aus der Dynamik der Deregulierung eine Situation weltumspannender Parallelsysteme, in denen wir getrennte Verbundenheiten aufsuchen: Parallel-Architekturen, Parallel-Gesellschaften, Parallel-Leben. In Auseinandersetzung mit diesen Entwicklungen ist aus dem Kunst- und Architekturschaffen der letzten Jahre eine neue Form von Praxis hervorgegangen, die sich auf kollektives Produzieren, prozessgeleitetes Arbeiten und ein Agieren in transversalen Projektplattformen stützt. Eine solche ‚disziplinlose’ Praxis von unaufgeforderten Einmischungen in räumliches Geschehen macht das dysfunktionale Regelwerk der Top-Down-Planung lesbar und kreiert ein Feld, das inmitten der Bemühungen dieses Versagen zu verbergen, neue Formen der Zirkulation erzeugt. Sie nimmt existierende Netzwerke in Gebrauch, erweitert und verändert sie, lässt neue Kreisläufe entstehen und skizziert damit eine mobile Geographie der selbstbestimmten Inanspruchnahme von Raum und Kultur.

Der zusammengesetzte Begriff ‚Netzwerk Kultur’ umreißt in diesem Sinn eine Sphäre der Verbundenheit unterschiedlicher Praxen, die sich nicht über zentral autorisierte Kategorien – Disziplinen, Institutionen, geteilte Geschichte oder Geographie – aufeinander beziehen, sondern durch ihre gemeinsame Arbeit an aktuell dringlichen Fragen und ein Schaffen von Plattformen der Beteiligung im Bereich von Kultur. Die Qualitäten solcher Netzwerke gehen aus dem Zusammenspiel ihrer einzelnen Komponenten hervor, und diese selbst wiederum sind äußerst instabil und von einem Geflecht an Interaktionen abhängig. Dieser Mangel an klar gezeichneten Zentralitäten mobilisiert auch den Fokus unseres kritischen Denkens und lenkt unsere Aufmerksamkeit weg von konstituierenden Kategorien zu Prozessen des Konstituierens, von stabilen Raummerkmalen zu den in Erscheinung tretenden Eigenschaften von Räumen, von der Produktion von Objekten zur Produktion von Beziehungsgeflechten.

Im vorliegenden Buch möchten wir diese Entwicklung weder als eine geschlossene Bewegung beschreiben noch innerhalb der Besonderheiten eines bestimmten Kontexts lokalisieren. Viel mehr beschäftigt uns ihre Nähe zu einer Fülle anderer selbstautorisierter Strukturen von ganz unterschiedlichem Maßstab – jene von informellen Märkten, alternativen Ökonomien und migratorischen Praxen ebenso wie die unzähligen kleinen und unbeachteten Versuche einer selbstbestimmten Soziabilität inmitten der globalen Umgestaltung unserer Lebensräume. Eine solche eigenwillige Nähe konfrontiert uns mit der prinzipiellen Konstruktion der Modalitäten kultureller und sozialer Erfahrung – mit einem allgegenwärtigen Raumschaffen, das unaufgefordert und uneingeschränkt stattfindet und einen Erfahrungsbereich außerhalb der vorgegebenen Formen von politischer Repräsentation aufmacht. Das schwer zu klassifizierende Wirken dieser ‚Projekte’ gehört in den Bereich der politischen Realität, entfaltet gleichzeitig aber auch einen Außenraum, der eine aktive Neuverteilung von Rollen und Aktivitäten jenseits der konzeptuellen Rahmenwerke erlaubt, die auf Diskurse wie Bildung, Wirtschaft, Planung oder gesellschaftliche Organisation gemeinhin angewendet werden.

Welche Formen von kultureller Interaktion und welche sozialen Umgebungen entstehen in einer solchen unaufgeforderten Produktion von Raum, Politik und Wissen? Das vorliegende Buch befragt dazu die Parameter des stattfindenden geopolitischen Wandels zusammen mit verschiedenen Formen von künstlerischem, architektonischem und kulturellem Engagement in diesem beweglichen Gefüge. Die Auseinandersetzung mit dem Phänomen von Netzwerkkreativität folgt zunächst den von Kunst, Architektur, Urbanismus, kuratorischer Tätigkeit und Aktivismus aufgespannten Netzwerkbahnen. Der hierbei skizzierte Schauplatz unterstreicht die Bedeutung des Verhältnisses von Raum und Konflikt und führt zu einem Sondieren von Konflikträumen im erweiterten Europa, zur Untersuchung von Konfliktarchitekturen und zu den auf geokultureller Ebene wirksamen Verhandlungsmodellen. Diese angewandten Politiken verweisen auf Fragen von Gouvernementalität und Selbstregierung, die über die komplexen Strukturen von Schwarzmärkten, informelle Stadtgebilde und die sie begleitenden gesellschaftlichen Arrangements analysiert werden. Vor dem Hintergrund dieser globalen Realitäten diskutiert das Buch die Parallelwelten von Mobilität und Migration, die Koproduktionslogiken transnationaler Netzwerke, temporäre Projektplattformen und andere Gegengeografien, um eine Politik der Verbundenheit in den Brüchen der alten Ordnung auszuloten.

Die im Buch versammelten Texte basieren auf dem mehrjährigen Projekt Networked Cultures (www.networkedcultures.org), in dem wir die Gelegenheit hatten, mit zahlreichen Netzwerkpraxen zusammen zu kommen, von ihren Erfahrungen zu lernen und ihre Arbeit in unsere Reflexionen aufzunehmen. Mit allen hier erwähnten Praxen haben wir intensiven Austausch geführt und eine Reihe von unterschiedlichen Formaten zur Artikulation dieses Projekts entwickelt, darunter eine Dokumentation der stattgefundenen Gespräche in Buchform (Networked Cultures, 2008), eine digitale Datenbank, ein audio-visuelles Archiv, ein Dokumentarfilm, eine Ausstellungsreihe und eine Serie von Live-Manifestationen im institutionellen und öffentlichen Raum in Form der Networked Cultures Dialogues. Angesichts der weitverzweigten Bahnen, die das Projekt seit seinem Beginn im Jahr 2005 genommen hat, sind wir einer Unzahl an Personen, die uns auf diesen Wegen begleitet und unterstützt haben, zu Dank verpflichtet. Viele dieser Personen sind im Lauf des Projekts zu Beteiligten, Partnern und Freunden geworden. Neue Verbundenheiten wurden geschaffen, neue Wege gebahnt.


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